Fortbildung in der Arztpraxis: Wissen, das hält

von Miriam Mirza
Zwei Medizinische Fachangestellte (MFA), eine Vollzeitstelle, täglich über dreißig Patientinnen: Wer in einer solchen Praxis arbeitet, kennt das Dilemma. Eine mehrtägige Präsenzfortbildung des Personals ist theoretisch vorgesehen, praktisch aber kaum zu organisieren. Die Praxis läuft nicht ruhiger, wenn eine MFA fehlt, und eine Vertretung ist in Zeiten des Fachkräftemangels keine Selbstverständlichkeit. Das Ergebnis: Die Fortbildung wird häufig über Jahre hinweg verschoben.
Solche Szenarien sind keine Einzelfälle und auch kein Versagen. Sie beschreiben die strukturelle Realität in einem erheblichen Teil der niedergelassenen Praxen in Deutschland. Und gleichzeitig ist es ein Problem, das sich – wenn es ignoriert wird – irgendwann bemerkbar macht, nämlich als Qualitätsmangel, möglicherweise als Unzufriedenheit im Team oder sogar als Kündigung.
Warum das Thema gerade jetzt drängt
Der Fachkräftemangel bei MFAs bleibt eine Herausforderung für viele Praxen. Nach einer Umfrage des Verbands medizinischer Fachberufe aus dem Jahr 2023 erwogen rund 40 Prozent der Medizinischen Fachangestellten mehrmals im Monat, den Arbeitsplatz zu wechseln oder den Beruf ganz aufzugeben. Als Hauptgründe nannten die Befragten Stressbelastung, mangelnde Wertschätzung und zu geringer Verdienst. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Bindung von Personal nicht allein von der Vergütung abhängt.
Fort- und Weiterbildung spielt auch für die Gewinnung und Bindung von Personal eine wichtige Rolle. Viele Medizinische Fachangestellte achten bei der Wahl ihres Arbeitgebers gezielt darauf, ob Entwicklungsmöglichkeiten bestehen und berufliche Weiterentwicklung unterstützt wird. Zugleich gehört Fortbildung zu den Instrumenten, mit denen Praxisinhaberinnen auf die Erwartungen von Mitarbeiterinnen Einfluss nehmen können.
Hinzu kommt ein Tempo in der Technologieentwicklung, das sich deutlich erhöht hat. Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte, neuen Anforderungen an die Telematikinfrastruktur, Videosprechstunden, digitalen Verordnungen sowie veränderten Abrechnungspositionen vollzieht sich ein technologischer Wandel im Gesundheitswesen, der einen kontinuierlichen Qualifizierungsbedarf erzeugt. Dieser lässt sich mit einer gelegentlichen Präsenzschulung nicht mehr abdecken. Wer heute eine gut eingelernte MFA ohne regelmäßige Weiterbildung beschäftigt, riskiert, dass das Wissen dieser Person schneller veraltet, als sie selbst es merkt.
In den letzten Jahren hat die Digitalisierung das Berufsbild der Medizinischen Fachangestellten grundlegend verändert. Während Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend Routine- und Verwaltungsaufgaben übernimmt, gewinnen qualifizierte Tätigkeiten im direkten Kontakt mit Patientinnen, in der Praxisorganisation und im sicheren Umgang mit digitalen Anwendungen an Bedeutung. Weiterbildung wird somit nicht nur zur fachlichen Qualifizierung, sondern auch zu einer wichtigen Voraussetzung für langfristige Beschäftigungsfähigkeit und für die Übernahme attraktiver Aufgaben in der Praxis. Sie schafft zugleich die Grundlage dafür, dass Medizinische Fachangestellte neue Verantwortungsbereiche übernehmen können, etwa im Praxismanagement, in der Koordination digitaler Prozesse, im Qualitätsmanagement oder nach entsprechender Qualifizierung als VERAH, EVA oder NäPA.

Verschiedene Qualifizierungen
Fortbildung in der Arztpraxis ist nicht vollständig freiwillig. Ein Teil der Qualifizierungsanforderungen ergibt sich unmittelbar aus rechtlichen Vorgaben. So sind beispielsweise Fortbildungen im Bereich Hygiene und Aufbereitung von Medizinprodukten nach der MPBetreibV sowie Strahlenschutz- und Datenschutzkenntnisse keine Ermessensfragen. Werden diese Pflichten vernachlässigt, riskiert man Haftungsprobleme – im schlimmsten Fall gar den Entzug der Abrechnungsgenehmigung.
Jenseits dieser Pflichtthemen gibt es ein breites Spektrum freiwilliger Qualifikationen, das die Bundesärztekammer in einem umfangreichen Katalog von Musterfortbildungscurricula abgebildet hat. Spezialisierungen wie die Versorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH), die Entlastende Versorgungsassistenz (EVA) oder die Nichtärztliche Praxisassistenz (NäPA) ermöglichen es Medizinischen Fachangestellten, deutlich mehr Aufgaben eigenständig zu übernehmen, die bislang an die Ärztin gebunden waren. Bei entsprechender Qualifikation kann etwa die Betreuung chronisch kranker Patientinnen, die Durchführung von Hausbesuchen oder das Erbringen von Präventionsleistungen an das nichtärztliche Personal abgegeben werden.
Für Praxisinhaberinnen lohnt es sich, diesen Zusammenhang nüchtern zu kalkulieren. Eine gut qualifizierte MFA entlastet die ärztliche Arbeitszeit messbar. Delegation kann Freiräume schaffen, um in der gleichen Zeit mehr Patientinnen zu versorgen oder das eigene Arbeitspensum zu senken, ohne die Versorgungsqualität zu beeinträchtigen. Fortbildungsinvestitionen amortisieren sich in diesem Rahmen oft schnell.
Auch für Ärztinnen selbst gilt, dass der Fortbildungsbedarf über die Pflicht zur kontinuierlichen ärztlichen Fortbildung mit CME-Punkten hinausgeht. So sind zum Beispiel Praxisführung, Kommunikation im Team und rechtliche Rahmenbedingungen als Arbeitgeberin Kompetenzen, die in der klinischen Ausbildung kaum eine Rolle spielen, im Praxisalltag aber täglich gefragt sind.
Interview: „Kommunikation wird zur Schlüsselkompetenz“
Praxiscoach Andrea Arlt begleitet Praxisteams seit Jahren durch Veränderungsprozesse. Im Gespräch erklärt sie, welche Konflikte am Empfang wirklich Kraft kosten und worauf Praxisinhaberinnen bei der Wahl einer Fortbildung achten sollten.
Unverzichtbare Präsenzseminare
Das klassische Präsenzseminar ist in manchen Bereichen nach wie vor das richtige Format. Praktische Fertigkeiten lassen sich digital nicht vollständig vermitteln. Wer lernt, wie man eine Wunde korrekt versorgt, einen Verband anlegt oder ein EKG-Gerät bedient, braucht eine reale Übungssituation mit qualifizierter Rückmeldung. Daran ändert auch die beste Lernsoftware nichts. Ein zusätzlicher Mehrwert von Präsenzveranstaltungen liegt im persönlichen Austausch. Erfahrungen aus anderen Praxen, organisatorische Lösungen und neue Ideen lassen sich im direkten Gespräch häufig besser vermitteln als in rein digitalen Formaten.
Präsenzseminare stoßen jedoch gerade im ambulanten Bereich an strukturelle Grenzen. Eine Praxis mit zwei oder drei Medizinischen Fachangestellten kann nicht ohne Weiteres eine Mitarbeiterin für mehrere Tage entbehren. Eine Vertretung ist selten auf Abruf verfügbar. Anfahrt, Übernachtung und Kursgebühr summieren sich zu Kosten, die für eine Einzelpraxis erheblich sind.
Auch die persönliche Lebenssituation spielt eine Rolle: Wer in Teilzeit arbeitet oder familiäre Verpflichtungen hat, verfügt häufig nur über begrenzte zeitliche Spielräume für Fortbildungsreisen. Die Folge ist vielerorts dieselbe: Fortbildungen werden aufgeschoben oder ganz abgesagt. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil das Format nur bedingt mit den organisatorischen Anforderungen des Praxisalltags vereinbar ist.

Digitale Formate oftmals besser geeignet
E-Learning, Webinare und Microlearning sind keine Notlösungen für den Fall, dass das Präsenzseminar ausfällt, sondern eigenständige Formate mit spezifischen Stärken, die für bestimmte Lerninhalte deutlich besser geeignet sind als der klassische Kursraum.
Inhalte wie Wissensvermittlung, Regelkunde, Compliance-Schulungen, rechtliche Aktualisierungen, Abrechnungsänderungen sind in gut strukturierten E-Learning-Einheiten präzise, wiederholbar und dokumentierbar zu vermitteln. Die Mitarbeiterin, die den Datenschutzkurs bereits vor einem Jahr absolviert hat, kann bei einer Gesetzesänderung innerhalb von zwanzig Minuten auf den aktuellen Stand gebracht werden, ohne dass der Praxisbetrieb unterbrochen wird. Das ist ein deutlicher Vorteil.
Microlearning geht noch einen Schritt weiter: Hier lassen sich Lerneinheiten von fünf bis zehn Minuten, die gezielt einen einzigen Aspekt vermitteln, in die Lücken des Tagesablaufs integrieren. Zwischen zwei Patientinnen, in der Mittagspause oder abends auf dem Tablet – so passt sich das Lernen dem Alltag an. Webinare wiederum kombinieren Zeitersparnis und Interaktivität. Es entfallen Anfahrt und Übernachtung, aber die Möglichkeit, Fragen zu stellen und in den Austausch mit Referentinnen zu gehen, bleibt erhalten. Gerade für Themen, bei denen Rückfragen wichtig sind, ist das ein erheblicher Vorteil gegenüber dem reinen Selbstlernmodul.
Je nach Lernziel eignen sich unterschiedliche Formate: Webinare bieten Raum für Rückfragen und aktuelle Informationen, E-Learning ermöglicht maximale zeitliche Flexibilität und Präsenzveranstaltungen bleiben dort unverzichtbar, wo praktische Übungen oder intensiver Erfahrungsaustausch im Mittelpunkt stehen.
Die digitale Fortbildung bietet darüber hinaus einen Vorteil, der im Praxisalltag häufig unterschätzt wird: Lernnachweise lassen sich automatisiert erstellen und archivieren. Das erleichtert die Dokumentation im Qualitätsmanagement und kann bei Audits nachvollziehbar machen, wer welche Schulung zu welchem Zeitpunkt absolviert hat. Hinweise auf die Akzeptanz solcher Formate liefert das LearnART-Projekt der Bundesärztekammer. Im Rahmen der Evaluation von Blended-Learning-Kursen für Medizinische Fachangestellte sprachen sich 83 Prozent der Teilnehmerinnen dafür aus, solche Formate weiterzuempfehlen. Als positiv bewertet wurden insbesondere die Praxisnähe der Lerninhalte und der zunehmende Sicherheitsgewinn im Umgang mit digitalen Werkzeugen. Das ist ein Nebeneffekt, der für Praxen angesichts der wachsenden Digitalisierungsanforderungen nicht unerheblich ist.
Die stärkste Variante ist heute die Kombination beider Formate. Hierbei werden theoretische Grundlagen und Wissensvermittlung digital durchgeführt, während praktische Anwendung und Übung in Präsenz erfolgen. Dieses Blended-Learning-Modell nutzt die Stärken beider Ansätze und vermeidet ihre jeweiligen Schwächen.
Fortbildung als Führungsaufgabe
Um Fortbildung im Praxisteam zu etablieren, braucht es eine genaue Bestandsaufnahme: Welche Qualifikationen sind vorhanden, welche fehlen, wo entstehen durch die technologische Entwicklung neue Lücken? Sinnvoll ist es außerdem, Fortbildung als festen Bestandteil der Praxisplanung zu betrachten. Ein jährlich eingeplantes Budget erleichtert die Auswahl geeigneter Angebote und signalisiert, dass berufliche Entwicklung ausdrücklich unterstützt wird.
Ebenso kann es hilfreich sein, einzelnen Mitarbeiterinnen feste Verantwortungsbereiche – etwa für Digitalisierung, Datenschutz, Qualitätsmanagement oder Arbeitsschutz – zu übertragen. Werden Mitarbeiterinnen für solche Aufgaben gezielt qualifiziert, stärkt das die Fachkompetenz im Team. Häufig wird dies zudem als Ausdruck von Vertrauen und Wertschätzung wahrgenommen. Personalentwicklung ist damit, nüchtern betrachtet, häufig wirtschaftlicher als Personalersatz.
Hinzu kommt die positive Signalwirkung. Praxisinhaberinnen, die aktiv in die Weiterentwicklung des Teams investieren, senden eine Botschaft, die sich nicht durch Obstkorb und Geburtstagskarte ersetzen lässt.
Fortbildungsangebot. Die medatixx-akademie bietet seit 2007 Fortbildungen für Medizinische Fachangestellte und Praxisteams an. Anfangs standen vor allem Qualitätsmanagement sowie gesetzliche und organisatorische Anforderungen im Mittelpunkt. Heute bilden Digitalisierung, Telematikinfrastruktur und Künstliche Intelligenz einen Schwerpunkt des Angebots.
Je nach Thema kommen unterschiedliche Lernformate zum Einsatz: Präsenzseminare, Live-Webinare, E-Learnings und Blended-Learning-Konzepte. Während sich Online-Formate vor allem für Wissensvermittlung und rechtliche Aktualisierungen eignen, setzt die medatixx-akademie bei umfangreicheren Qualifizierungen weiterhin auf Präsenzphasen, um praktische Übungen sowie den Austausch der Teilnehmerinnen zu ermöglichen. Ein aktueller Schwerpunkt liegt auf der Qualifizierung von MFAs für Digitalisierungsthemen und auf Fortbildungen zu Kommunikation und Veränderungsmanagement.
Der Artikel erschien erstmals am 22. September 2026 im x.press 26.4.