Interview: „Spürbarer Vorteil für die Menschen"

Kann ein Primärversorgungssystem in Deutschland funktionieren? Und kann es dazu beitragen, das System zu entlasten? Prof. Dr. Lutz Hager, Professor für Management im Gesundheitswesen an der SRH Fernhochschule und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care (BMC), ist vorsichtig optimistisch.

Das deutsche Gesundheitswesen durchlebt finanziell schwierige Zeiten. Kann ein Primärversorgungssystem wirklich Teil der Lösung sein?  

Ja, wenn eine echte Strukturreform umgesetzt wird. Die finanzielle Schieflage entsteht auch, weil das System zu viele Kontakte, Doppelwege und unklare Zuständigkeiten erzeugt. Gerade mit Blick auf die heutige und künftig noch steigende Versorgungslast müssen „die Mengen runter“. Wir müssen mehr Anliegen auf der primären Ebene und am besten außerhalb der Arztpraxen lösen. Klar ist: Ein Primärversorgungssystem muss deutlich mehr leisten als die reine Weiterleitung vom Hausarzt zum Facharzt. Dies gelingt nur durch einen Teamansatz, der weitere Gesundheitsberufe einbindet, und durch digital unterstützte Prozesse. 

Die Bürger werden ein Primärversorgungssystem zunächst als Rückschritt empfinden – die freie Facharztwahl gibt es so dann nicht mehr. Halten Sie das in Deutschland für vermittelbar? Was wären in der Kommunikation gute Argumente? 

Die Versorgung mit dem Hausarzt als erstem Ansprechpartner muss nicht neu erfunden werden. Sie gehört seit jeher zum Rückgrat unseres Systems. Das zeigt sich auch daran, dass mehrere Millionen Versicherte in der Hausarztzentrierten Versorgung eingeschrieben sind. Patienten sollen ihren Facharzt weiterhin frei wählen können, orientiert am konkreten medizinischen Bedarf. Dafür braucht es vor jedem neuen Behandlungsanlass eine standardisierte, symptombezogene Ersteinschätzung, die digital, telefonisch oder in der Praxis erfolgen kann. Sie klärt, ob und wo Behandlung nötig ist, und leitet je nach Bedarf in die passende Versorgungsebene weiter. Das kann je nach Indikation der Hausarzt oder der Facharzt sein. Dringliche Anliegen werden bei der Terminvergabe priorisiert. Das schafft einen spürbaren Vorteil für die Menschen, erhöht die Nachvollziehbarkeit der Versorgung und stärkt das Vertrauen in das System. 

dringliche anliegen werden bei der terminvergabe priorisiert.

Könnte die hausärztliche Versorgung in Deutschland einen Wechsel in Richtung Primärversorgungssystem überhaupt stemmen, rein kapazitätsmäßig?

Die eigentliche Frage lautet, wie lange wir den Status quo noch tragen können. Vielerorts sind Arztsitze unbesetzt, und die Altersstruktur in der hausärztlichen Versorgung ist angespannt. Ein Primärversorgungssystem setzt hier ein klares Signal, Hausarztpraxen stärker arbeitsteilig und digital zu organisieren, und es kann Anreize schaffen, dass Haus- und Fachärzte enger zusammenarbeiten, etwa in Ärztenetzen. Der Trend geht zu größeren, vernetzten Einheiten, die digitale und Vor-Ort-Angebote verbinden, interprofessionell arbeiten und verschiedene Gesundheitsberufe sowie ärztliche Fachrichtungen bündeln. Wenn wir Primärversorgung als interprofessionelles, digital gestütztes System organisieren, ist die Strukturreform ein klarer Schritt nach vorne. 

Von rechtlichen Rahmenbedingungen bis zu technischer Infrastruktur: Was sind wichtige Komponenten, die ein Primärversorgungssystem bieten bzw. erfüllen muss, damit es funktioniert? 

Wir haben die zentralen Anforderungen im BMC-Positionspapier „Fünf Bausteine für die Primärversorgungsreform“ herausgearbeitet. Dazu gehören eine standardisierte digitale Erst- und Dringlichkeitseinschätzung sowie Primärversorgungseinheiten, die interprofessionell arbeiten und Koordination im Team organisieren. Ebenso wichtig sind eine verlässliche, digital vernetzte Terminvermittlung mit Dringlichkeitslogik und ein digitales Update mit interoperablen Systemen und einer nutzbaren elektronischen Patientenakte, damit Informationen entlang der Versorgungspfade verfügbar sind. Ergänzt wird das durch eine umfassende Primärversorgung, die Programme zur Prävention, Früherkennung und Chroniker-Betreuung verbindlich integriert.