Kolumne: Die KI und ich

Bleiben KI-Bots bei der Wahrheit, oder erzählen sie ihrem Anwender vielmehr das, was er hören will? Darüber, über den Sohn Gottes und den Einfluss der US-Regierung auf die omnipräsenten KI-Tools, macht sich Dr. Doxx in seiner aktuellen Kolumne Gedanken.

Ich war in diesem Jahr zwei Wochen vor Ostern in Spanien unterwegs. Zu Beginn der Karwoche logierten wir in Cáceres in der Extremadura – sehr sehenswert, falls Sie mal vorbeikommen sollten. Spätabends kam plötzlich die wahrscheinlich erste Karwochenprozession des Jahres eine düstere Gasse entlang. Keine mit viel Tamtam, stattdessen bescheiden, unbeleuchtet, nur dunkle Gestalten mit Kreuz auf dem Rücken. Eindrucksvoll auch für Ungläubige – Menschen, die ihrem Glauben Ausdruck geben, indem sie den Leidensweg von Gottes Sohn nachstellen.

Ungefähr zur gleichen Zeit hat der US-amerikanische KI-Hersteller Anthropic eine zweitägige Veranstaltung organisiert, zu der mehr als ein Dutzend Persönlichkeiten der Kirchen eingeladen waren. Diskutiert wurde, wie die moralische und spirituelle Entwicklung von KI-Chatbots gesteuert werden könne bzw. wie sich gewährleisten lasse, dass KI-Chatbots adäquat auf komplexe ethische Fragen eingehen.

Bemerkenswert, finde ich. Nix Fakten-Fakten-Fakten, adäquates Eingehen auf den Gesprächspartner ist angesagt. Also angenommen, da kommt ein Evangelikaler beim Anthropic-Chatbot Claude AI vorbei und will über die Schöpfung reden. Als Evangelikaler würden Sie auch nicht wollen, dass Sie von der App mit Darwin-Finken zugetextet werden. Wo kämen wir denn da hin? Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, wie viel Spielraum dem Chatbot in solchen Situationen zugestanden wird.
 

Es ist schon beachtlich, was medizinisch trainierte ki-systeme mittlerweile leisten.

Dr. Doxx

Darf er „Intelligent Design“ offen das Wort reden, auch wenn er The Origin of Species und The Descent of Man besser kennt als jeder Biologe? Oder sollte er strategisch vorgehen und die Unterhaltung ohne abschließende Antwort in eine andere Richtung lenken? Also zum Beispiel gemeinsam einen Gospel singen. Oder eine Karwochen-Reise nach Cáceres buchen.

Zusätzliche Brisanz erhält das Ganze dadurch, dass auf besagter Veranstaltung wohl ernsthaft diskutiert wurde, inwieweit ein KI-Chatbot als Wesen anzusehen sei, demgegenüber der KI-Hersteller eine moralische Verantwortung habe – ein Kind Gottes sozusagen. Zuständig für die Veranstaltung war übrigens Anthropics „Team für Interpretierbarkeit“. Als Arzt frage ich mich da, wie sich „Team Interpretierbarkeit“ positioniert, wenn zum Beispiel Stefan Homburg Bestätigung in seinem Kreuzzug gegen die Covid-Impfung sucht. Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Positionierung im Zweifel mehr von der aktuellen US-Regierung als von irgendwas anderem abhängt.

Am Ende ist es vielleicht doch zielführender, KI nicht als Gottes Sohn zu betrachten, sondern schlicht als Recycling-Maschine digitaler Texte. Dann ist zumindest nur die Menschheit schuld, wenn der Chatbot rumfabuliert: bullshit in, bullshit out. In der Medizin steht in Sachen „Bullshit oder Gamechanger“ das Urteil noch aus. Es ist schon beachtlich, was medizinisch trainierte KI-Systeme mittlerweile leisten. Gleichzeitig fördern viele KI-Chatbots immer noch viel Quatsch zutage. 

Was „HMV“ im Zusammenhang mit mechanischer Heimbeatmung heißt, wollte ich neulich von ChatGPT wissen. Ein No-Brainer, es heißt „Home Mechanical Ventilation“, aber diese Transferleistung bekam ich irgendwie nicht hin. ChatGPT auch nicht: HMV beziehe sich auf „His Master‘s Voice Mechanical Ventilation“, wurde mir selbstbewusst erläutert. Zugrunde liege dem eine große klinische Studie, in der nach dem „His Master’s Voice-Protokoll“ beatmet worden sei. Kompletter Käse natürlich, aber kreativ. Am Ende sind KI-Bots auch nur Menschen.
 

Herzlichst, 

Ihr Dr. Doxx

Der Artikel erschien erstmals am 25. Juni 2026 im x.press 26.3.

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