Porträt: Die Integratorin

von Miriam Mirza
Manche medizinischen Fragen lassen sich nicht einem einzelnen Organ zuordnen. Sie entstehen dort, wo Systeme ineinandergreifen, wo Signale fehlgeleitet werden, wo Symptome sich nicht eindeutig erklären lassen. Prof. Dr. Christina Haubrich interessiert sich seit Beginn ihrer Laufbahn genau für diese Fälle – für das Zusammenspiel von Herz und Hirn, für Steuerungsprozesse, die im Hintergrund wirken, und für Krankheitsbilder, die erst dann verständlich werden, wenn man sie vernetzt betrachtet.
Als sie über ihren Weg in die Medizin spricht, beginnt sie nicht mit einer einzelnen Entscheidung, sondern mit einer Zeit: Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Neurowissenschaften rückten stärker in den Fokus, Methoden wurden präziser, Fragestellungen ambitionierter. „Man sprach von ‚The Age of the Brain‘. Das war faszinierend“, erinnert sich Haubrich.
Geboren in der Uckermark und aufgewachsen in einem ländlichen Umfeld, führte sie diese Faszination früh zur Medizin. Nicht aus dem Wunsch heraus, sich festzulegen, sondern gerade wegen der Offenheit des Fachs. „Medizin bietet immer noch das breiteste Spektrum“, sagt sie. „Man kann forschend arbeiten, praktisch tätig sein, theoretisch denken und gleichzeitig Verantwortung übernehmen.“
Studiert hat Haubrich in Berlin an der Humboldt-Universität. Teile ihrer Ausbildung absolvierte sie an der Charité, weitere Stationen führten sie in die USA. Nach dem Studium wechselte sie 1997 nach Köln und arbeitete dort zwei Jahre in der funktionellen Neurochirurgie. Ein hochspezialisiertes Feld, das sich unter anderem mit schwer behandelbaren chronischen Schmerzen und der Parkinson-Erkrankung befasst. Dort lag ihr Schwerpunkt weniger auf dem Operieren selbst als auf der klinischen und wissenschaftlichen Arbeit mit hochspezialisierten Verfahren. „Zum ersten Mal habe ich erlebt, wie moderne Technologie Menschen mit extrem komplexen Krankheitsverläufen helfen kann“, sagt Haubrich.
Die Faszination für das Komplexe
In Köln betreute sie auch ihr erstes eigenes Forschungsprojekt und arbeitete parallel wissenschaftlich und klinisch. „Diese Zeit hat mir gezeigt, dass man beides nicht trennen muss“, betont sie. „Im Gegenteil.“
Es folgte der Wechsel an das Universitätsklinikum Aachen, wo sie ihre neurologische Facharztausbildung absolvierte und sich 2022 habilitierte. Dort entwickelte sich ihr zentrales fachliches Interesse weiter. Die Frage nach der Regulation der Hirndurchblutung führte sie zwangsläufig zu einem zweiten Organ: dem Herzen. „Das eine funktioniert nicht ohne das andere“, sagt Haubrich. „Herz und Hirn stehen permanent in Kommunikation.“
Diese Perspektive prägte ihre Arbeit zunehmend. 2007 baute sie in Aachen ein Labor für autonome Funktionsdiagnostik auf – eine Rarität in der deutschen Neurologie. Untersucht wurden Parkinson-Patienten mit unklaren Bewusstlosigkeiten und mit vegetativen Beschwerden, für die es bislang keine eindeutigen Erklärungen gab. Lange blieb es bei Diagnostik. Doch 2012 veränderte ein Symposium ihren Blick grundlegend.
„Mir wurde damals klar, wie groß das Interesse an diesem Thema ist und wie interdisziplinär es eigentlich gedacht werden muss“, sagt Haubrich. Im Publikum saßen nicht nur Neurologen, sondern auch Kardiologen, Radiologen, Dermatologen sowie Gynäkologen. Die Symptome waren unterschiedlich, die Fragestellungen ebenfalls. Doch der Verdacht war oft derselbe: Nämlich dass Steuerungsprozesse des Körpers eine größere Rolle spielen als bislang angenommen.
Ein Jahr später, 2013, gründete Haubrich gemeinsam mit Kollegen ein Novum, nämlich die ANS Ambulanz in Aachen. Dahinter steht eine spezialisierte Einrichtung für Erkrankungen des autonomen Nervensystems (ANS), also jenes Nervensystems, das unbewusst lebenswichtige Funktionen wie Kreislauf, Blutdruck, Atmung oder Verdauung steuert. Dort ging es nicht mehr nur um Messungen, sondern um Therapiepfade, um systematische Behandlungsansätze und um Begleitung. „Viele Patienten hatten eine lange Reise hinter sich“, sagt Haubrich. „Von Ärztin zu Arzt, von Arzt zu Ärztin. Ohne echte Erklärung.“

Wenn Disziplinen sich begegnen
Parallel dazu führten internationale Forschungsaufenthalte ihren Blick weiter nach außen. Zwischen 2005 und 2006, 2009 und 2010 sowie erneut 2015 und 2016 arbeitete Haubrich an der Universität Cambridge. Sie wurde Mitglied eines Colleges und erlebte ein akademisches Umfeld, das sie bis heute prägt. „Diese Offenheit der Disziplinen, der Austausch auch bei unterschiedlichen Meinungen, das ist etwas, wovon wir in Deutschland lernen können“, sagt sie.
Die Zeit in Cambridge schärfte nicht nur ihren fachlichen Blick, sondern auch ihr Verständnis von Wissenschaft als Haltung. Forschung, so beschreibt sie es, sei kein nationales Projekt und kein disziplinäres Besitzdenken. „Wissenschaft funktioniert nur im Austausch“, sagt Haubrich. Fachübergreifend, länderübergreifend und unabhängig von politischen oder institutionellen Interessen.
Medizin als Beziehung
Der Schritt in die Niederlassung war für sie deshalb kein Bruch, sondern eine Konsequenz. Heute arbeitet sie in eigener neurologischer Praxis in Düsseldorf. Dort verbindet sie wissenschaftliche Tiefe mit individueller Versorgung. Sie nimmt sich Zeit. Für komplexe Fälle, für seltene Erkrankungen und für ausführliche Anamnesen. „Das war mein Wunsch“, sagt sie. „Möglichst vielen Menschen diese Diagnostik zugänglich zu machen.“
Nicht alle Verfahren sind im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen abgebildet. Das weiß sie. „Aber neue Methoden entstehen nicht dadurch, dass man auf Anerkennung wartet“, sagt Haubrich. Medizinische Innovation beginne oft dort, wo Ärzte Verantwortung übernehmen und vorangehen.
Technologie ist dabei für sie kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung – in der Diagnostik ebenso wie in der Organisation. In ihrer Praxis finden über 20 verschiedene Untersuchungsverfahren Anwendung. Hinzu kommen digitale Tools zur Kommunikation im Team, zur Dokumentation und zur schnellen Verfügbarkeit von Befunden. Auch KI sieht sie als Unterstützung. „Alles, was uns Zeit für Patienten verschafft und die Qualität erhöht, ist willkommen“, sagt sie. Gerade in der Neurologie, einem Fach, das detektivische Kleinarbeit erfordert, könne Technologie helfen, Muster zu erkennen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Komplexität zu strukturieren.

Entscheidend sei, dass der Mensch die letzte Instanz bleibt. „Unkritische Nutzung lehne ich ab“, sagt Haubrich. „Aber Verweigerung halte ich für falsch.“ Haubrich arbeitet bewusst im Team. Ihre Praxis versteht sie als lernendes System. Mit medizinischen Fachangestellten, mit einer Physician Assistant und mit klaren Verantwortlichkeiten. Sie betont: „Neurologie ist Teamarbeit, interdisziplinär und innerhalb der Praxis.“
Privat ist sie Mutter von drei Kindern, lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf und interessiert sich für Kunst, Kultur und Oper. Bewegung gehört fest zu ihrem Alltag. „Ich laufe jeden Morgen“, sagt Haubrich. „Das ist mein Start in den Tag.“ Work-Life-Balance sei kein Idealzustand, sondern eine Frage bewusster Planung. „Zeit wird nicht mehr“, sagt sie. „Sie wird nur knapper. Deshalb darf man sie nicht aus dem Blick verlieren.“ Vielleicht ist es genau diese Haltung, die sich durch ihre Arbeit zieht. Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Forschung und Praxis. Technologie und Beziehung. Spezialisierung und Überblick. Zwischen Herz und Hirn.
ANS Clinic | Neuro Praxis Düsseldorf
Neurologie. Die ANS Clinic ist eine spezialisierte neurologische Anlaufstelle für Erkrankungen und Funktionsstörungen des autonomen Nervensystems. Dieses Nervensystem steuert unbewusst lebenswichtige Prozesse wie Blutdruck, Herzfrequenz, Atmung, Verdauung, Blasenfunktion, Temperaturregulation und Schlaf. Viele Patienten leiden über Jahre unter unspezifischen oder wechselnden Symptomen wie Schwindel, Herzrasen, Erschöpfung, Missempfindungen oder Kreislaufproblemen, ohne eine eindeutige Diagnose zu erhalten. Die ANS Clinic verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und kombiniert spezialisierte Funktionsdiagnostik mit einem individuellen therapeutischen Gesamtkonzept. Ziel ist es, komplexe Beschwerdebilder besser einzuordnen und Patienten über einen längeren Zeitraum strukturiert zu begleiten.
Der Artikel erschien erstmals am 24. März 2026 im x.press 26.2.
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