Porträt: Die Zugewandte

von Miriam Mirza
Wer die Praxis von Dr. Helga Kock-Teipel betritt, merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Diagnosen und Befunde. Hier geht es um Menschen. „Wenn jemand zu mir kommt, setze ich mich erst einmal hin und höre zu“, sagt die Internistin und Hausärztin. „Manchmal reichen schon ein paar Minuten, in denen man jemanden wirklich ausreden lässt. Dann versteht man oft sehr schnell, worum es eigentlich geht.“ Für Kock-Teipel gehört dieses Zuhören zur Medizin. Nicht als freundliche Geste, sondern als Teil der Therapie. Wer krank ist, kommt nicht nur mit Symptomen in die Praxis, sondern oft auch mit Sorgen, Unsicherheiten oder Angst. „Das darf man nicht unterschätzen“, sagt sie. „Medizin ist immer auch Begegnung.“
Diese Haltung hat viel mit ihrer Herkunft zu tun. Die Ärztin, 1965 im Ruhrgebiet geboren, wächst in einem Pfarrhaushalt auf. Ihr Vater ist Theologe, ihre Mutter Lehrerin. Als sie fünf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Köln. Dort leben sie nicht abgeschottet, sondern mittendrin. Am Esstisch sitzen oft mehr Gäste als Familienmitglieder. „Bei uns war immer klar: Ein Zuhause ist nicht nur Rückzugsort, sondern auch ein offenes Haus“, erinnert sie sich.
Als ihr Vater später vor der Wahl steht, eine komfortable Gemeinde in einem wohlhabenden Kölner Viertel zu übernehmen oder in eine sozial schwierige Hochhaussiedlung zu gehen, entscheidet er sich bewusst für den schwierigeren Weg. Die Familie zieht mit. Für Kock-Teipel und ihre Geschwister bedeutet das eine völlig neue Welt. „Das war für uns erst einmal ein Kulturschock“, erinnert sie sich. „Aber rückblickend war es unglaublich prägend.
„medizin ist immer auch begegnung.“
Der Weg in die Medizin
Der Wunsch, Ärztin zu werden, entsteht früh. Nicht, weil es in der Familie viele Medizinerinnen gäbe. Das Gegenteil ist der Fall. „Ich wollte das einfach“, sagt sie. Nach dem Abitur absolviert sie mehrere Pflegepraktika. Die Stationsarbeit gefällt ihr. „Da merkt man schnell, ob man mit Menschen arbeiten möchte.“ Schließlich beginnt sie 1985 ihr Medizinstudium an der Universität zu Köln. Parallel sammelt sie internationale Erfahrungen: Ebenfalls 1985 besucht sie einen Sprachkurs in Salamanca in Spanien, 1989 folgt eine Famulatur in Valletta auf Malta, im Jahr danach arbeitet sie im B.C.M. Hospital im indischen Sitapur. „Solche Erfahrungen öffnen den Blick“, sagt sie. „Man sieht, wie Medizin unter ganz anderen Bedingungen funktioniert.“
1992 schließt sie ihr Studium ab. Zwei Jahre später promoviert sie an der Frauenklinik der Universität zu Köln. Anschließend beginnt sie ihre Facharztausbildung für Innere Medizin am Klinikum Solingen. Acht Jahre arbeitet sie dort in verschiedenen Abteilungen. Kardiologie, Gastroenterologie und Nephrologie gehören zu ihren Stationen. „Ich habe die Klinikzeit sehr gemocht“, sagt sie. „Wir hatten ein gutes Team und engagierte Chefärztinnen und Chefärzte.“ 1999 wird sie Fachärztin für Innere Medizin.
Mit der Geburt ihrer Kinder beginnt jedoch eine Phase des Nachdenkens. Wie bei so vielen ihrer Kolleginnen auch lassen sich Nachtdienste, Wochenenddienste und Familienleben nur schwer miteinander vereinbaren. Die Lösung kommt fast zufällig. In einer Fachzeitschrift entdeckt sie eine Anzeige. Ein Kölner Internist sucht eine Kollegin für eine hausärztliche Praxis. Ein Anruf, ein Gespräch, und plötzlich passt alles.

Eine Praxis, viele Perspektiven
2001 steigt Kock-Teipel in die Gemeinschaftspraxis mit Dr. Rainer Schiffer ein. Vierzehn Jahre arbeiten die beiden zusammen. Seit 2015 führt sie die Praxis gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Frauke Hundsdörfer weiter. Die Praxis ist Weiterbildungspraxis für Allgemeinmedizin der Universität zu Köln: Die beiden Internistinnen bilden junge Ärztinnen aus.
„Ich finde es wichtig, Studierenden zu zeigen, wie vielseitig dieser Beruf ist“, sagt sie. Hausärztinnen begleiten Menschen oft über Jahre oder Jahrzehnte. „Man kennt ganze Familien, erlebt Lebensgeschichten mit. Das ist etwas sehr Besonderes.“
Neben der klassischen Inneren Medizin beschäftigt sich Kock-Teipel früh mit ergänzenden Behandlungsmethoden. Zwischen 1997 und 2001 absolviert sie eine Weiterbildung in Naturheilverfahren. Parallel dazu durchläuft sie von 1996 bis 2004 eine umfassende Ausbildung in Akupunktur. Zwei Jahre später erhält sie die Zusatzbezeichnung Akupunktur und Qualifikationen in der psychosomatischen Grundversorgung.
In ihrer Praxis arbeitet ein internationales Team aus medizinischen Fachangestellten. Die Mitarbeiterinnen kommen aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Hintergründen. Für Kock-Teipel ist diese Vielfalt kein Zufall, sondern ein Gewinn. „Unsere Patientinnen und Patienten sind genauso unterschiedlich wie die Gesellschaft“, sagt sie. „Da ist es unglaublich hilfreich, wenn im Team verschiedene Sprachen gesprochen werden und unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen.“ Gerade in einer Großstadtpraxis sei das im Alltag spürbar. Manche Patientinnen fühlten sich erst wirklich verstanden, wenn jemand ihre Sprache spricht oder ihren kulturellen Hintergrund kennt. „Medizin funktioniert besser, wenn Menschen sich gesehen fühlen“, sagt die Medizinerin.
Außerhalb der Praxis sucht sie bewusst Ausgleich zum medizinischen Alltag. Kock-Teipel ist Mutter von zwei Kindern, ihr Mann arbeitet ebenfalls als Arzt. Wenn Zeit dafür bleibt, liest sie viel, macht regelmäßig Sport und setzt sich gerne ans Klavier. Musik und Literatur gehören für sie ebenso zum Leben wie Gespräche mit Freundinnen oder gemeinsame Zeit mit der Familie. Diese Momente außerhalb der Praxis helfen ihr, Abstand zu gewinnen und neue Energie zu sammeln.

Technik, die Zeit schafft
In ihrer Praxis setzt sie auf Digitalisierung. Während manche Kolleginnen skeptisch auf neue Technologien blicken, sieht Kock-Teipel darin vor allem eine Chance. „Wenn Technik sinnvoll eingesetzt wird, kann sie uns Zeit verschaffen“, berichtet sie von ihren Erfahrungen.
Ein Beispiel ist eine digitale Online-Rezeption: Patientinnen können Termine vereinbaren, Befunde hochladen oder Rezepte anfragen. Früher gingen montags teilweise über hundert E-Mails ein. Die Anfragen waren unsortiert und kaum zu bewältigen. Heute werden sie automatisch strukturiert. „Das entlastet unser Team enorm.“
Für Kock-Teipel ist klar: Richtig eingesetzt ist Digitalisierung ein nützliches Werkzeug im Praxisalltag und verschafft Freiräume für die Arbeit mit ihren Patientinnen. Darum muss sie so gestaltet werden, dass sie Ärztinnen hilft, sich wieder stärker auf ihre eigentliche Aufgabe zu konzentrieren. „Unsere Arbeit ist die Begegnung mit Menschen“, sagt sie. „Alles, was uns dafür Zeit verschafft, ist sinnvoll.“ Dass sie diese Haltung nicht nur in der Praxis lebt, zeigt ihr Engagement außerhalb des Praxisalltags. Kock-Teipel gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins CAYA (Come As You Are). Dort behandeln ehrenamtliche Ärztinnen Menschen ohne Krankenversicherung.
Häufig sind es wohnungslose oder sozial ausgegrenzte Menschen, die sonst kaum Zugang zur medizinischen Versorgung haben. „Diese Menschen fallen oft komplett aus dem System heraus“, kritisiert sie. „Dabei ist medizinische Hilfe ein Grundbedürfnis.“
Wenn sie über ihre Arbeit spricht, wird deutlich, dass Medizin für Helga Kock-Teipel mehr ist als ein Beruf. Es ist eine Form gesellschaftlicher Verantwortung. Die Haltung aus ihrer Kindheit trägt sie bis heute weiter. Auf ihre ganz eigene Weise. Oder, wie sie es selbst formuliert: „Medizin bedeutet für mich, Menschen ernst zu nehmen. Ganz egal, woher sie kommen.“

Immer auf der Suche nach dem besseren Weg
Privat tankt die Mutter von vier Kindern Kraft im Familienkreis, im Austausch mit Kolleginnen, aber vor allem beim Sport. „Das gibt mir die Energie, die ich brauche, um im Beruf klar zu bleiben.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie gut auf ihre eigenen Bedürfnisse achten muss, damit sie dann wieder für andere da sein kann. Auch das ist ein Prozess, den sie für sich selbst optimiert hat.
Medizinische Hilfe für Menschen ohne Versicherung
CAYA. Der Verein CAYA (Come As You Are) bietet in Köln medizinische Versorgung auf dem Niveau einer Hausarztpraxis für Menschen ohne Krankenversicherung. In einem Praxiscontainer in Köln-Mülheim behandeln ehrenamtliche Ärztinnen Patientinnen, die im regulären Gesundheitssystem oft keinen Zugang zu medizinischer Hilfe haben. Viele von ihnen sind wohnungslos oder leben in prekären sozialen Situationen. Ein Praxisbus als „rollende CAYA-Praxis“ wird seit Mai 2026 in Köln und Umgebung eingesetzt. In den kommenden Jahren ist die Einrichtung von Krankenwohnungen geplant. Neben der medizinischen Behandlung unterstützt der Verein in Kooperation auch bei sozialer Beratung und vermittelt bei Bedarf weiterführende Hilfsangebote
Der Artikel erschien erstmals am 25. Juni 2026 im x.press 26.3.
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