Interview: „Die Praxissoftware wird zum Orchestrator“

Lea Nehm, Abteilungsleiterin Digitale Versorgung und Beratung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, beschreibt, warum das klassische Praxisverwaltungssystem (PVS) seine Rolle verändert und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.

Die IT-Struktur in Praxen wurde lange durch die Praxissoftware geprägt. Welche Veränderungen beobachten Sie aktuell in der Art, wie Praxen ihre IT-Architektur planen und weiterentwickeln? 

Die Zeit des „PVS als Monolith“ ist vorbei. Was wir seit einiger Zeit sehen, ist, dass der Trend hingeht zu offenerem Denken: Schnittstellen-Offenheit und der Kundenwunsch, verschiedenste Tools integriert zu kombinieren. Es gibt allerdings auch Anbieter, die die Rolle rückwärts machen, ihre Systeme wieder stärker abschotten und Funktionalitäten nur aus „eigener“ Hand anbieten. In unseren Gesprächen in der KVWL dipraxis nehmen wir die meisten Praxen sehr emanzipiert wahr: Sie haben viele verschiedene Anforderungen an externe Tools und wollen nicht die „One-fits-all-Lösung“, sondern wollen Flexibilität. Praxissoftware wird hier häufig als ein Baustein von vielen angesehen, den es im Einklang mit anderen Systemen zu orchestrieren gilt.

Welche Entwicklungen haben aus Ihrer Sicht dazu geführt, dass sich die IT-Landschaft in der ambulanten Versorgung so stark ausdifferenziert hat? 

Früher war das Praxisverwaltungssystem ein reines Abrechnungssystem. Das hat sich zur heutigen Nutzung maßgeblich verändert. Die Praxissoftware unterstützt und steuert die Workflows in den Praxen, und damit gehen ganz unterschiedliche Anforderungen einher: je nach Praxisgröße, nach Fachrichtung Wunsch-Konfigurationen selbst vorzunehmen oder externe Tools anzubinden, Stichwort Schnittstellen-Offenheit. Die IT-Landschaft wurde durch politische Vorgaben, fehlende Komplettlösungen und modulare Strukturen fragmentiert. Die Ausdifferenzierung ist kein Zufall, sondern die logische Konsequenz aus steigenden Anforderungen, politischen Vorgaben und einer Marktentwicklung, in der viele Anbieter innovative Einzellösungen entwickeln.

Man muss nicht mit einem gewählten System bis zum niederlassungsende arbeiten.

In welchem Stadium befindet sich die ambulante Versorgung aus Ihrer Sicht, wenn es um die bewusste Gestaltung von IT-Architekturen geht?

Wir befinden uns in einer Transformationsphase zwischen Improvisation und Strategie. Viele Praxen betreiben faktisch schon Multi-System-Landschaften, aber ohne strategisches Zielbild. Das liegt zum einen daran, dass ein Wechsel der Praxissoftware mit großen Anstrengungen verbunden ist. Der Mythos, das gehe nur mit großem Datenverlust und hohen Kosten, trifft so nicht zu. Dennoch wäre es im Sinne eines guten Erwartungsmanagements auch fatal zu sagen, eine Praxissoftware ließe sich mal eben wechseln. 

Das ist ein IT-Projekt, was eine gute Planung, Durchführung und Kommunikation erfordert. Und wir haben eine große Informations- und Wissensasymmetrie: Praxen sind bei der Umstellung ihrer zentralen Praxis-IT auf IT-Dienstleister angewiesen, deren Informationen und Angebote viele aber nicht kompetent hinterfragen können. 

Wie verändert sich die Funktion der Praxissoftware in einer Umgebung, in der zunehmend spezialisierte Anwendungen angebunden werden?

Die Praxissoftware entwickelt sich von einer zentralisierten Anwendung hin zum Orchestrator verschiedener Anwendungen. Sie bleibt zentral, aber nicht mehr dominant. Sie ist künftig weniger „das Produkt“, sondern die Plattform, auf der andere Produkte sinnvoll zusammenspielen müssen. medatixx geht hier mit dem medatixx-HealthHub innovativ und selbstbewusst voran. Das begrüßen wir und zeigen es übrigens auch in unserer dipraxis.

Wie lässt sich in einer zunehmend modularen IT-Landschaft die Abstimmung zwischen verschiedenen Anwendungen und Anbietern sinnvoll organisieren?

Das ist aktuell eine der größten Baustellen. Was wir brauchen, ist ein klarer Wechsel: weg von individueller Abstimmung zwischen einzelnen Anbietern hin zu standardisierter, verlässlicher Koordination auf Systemebene. Dazu gehören aus meiner Sicht drei Dinge: Verbindliche Schnittstellenstandards – und zwar nicht nur technisch, sondern auch semantisch. 

Es braucht auch klare Rollen und Verantwortlichkeiten, damit Integration nicht zwischen den Akteuren hängen bleibt. Und schließlich mehr Ökosystem-Governance statt punktueller, bilateraler Lösungen. In diesem Kontext kann sich auch die Rolle der Praxissoftware sinnvoll weiterentwickeln: weg vom abgeschlossenen System – hin zum Orchestrator, der verschiedene Anwendungen stabil und sinnvoll zusammenführt. Und ganz wichtig: Das ist keine Aufgabe, die Praxen lösen können oder sollten. Hier sind Hersteller, Selbstverwaltung und Regulierung gleichermaßen gefragt.

Welche Weichen sollten Praxen heute stellen, damit ihre IT-Struktur auch in den kommenden Jahren tragfähig bleibt?

Man sollte nicht den Anspruch haben, die Tools und Systeme auszuwählen, die eine „perfekte IT“ abbilden. Das bleibt ein dynamischer und agiler Markt. Praxen sollten die Fähigkeit zur Veränderung aufbauen. Und auch das Bewusstsein, dass man nicht mit einem gewählten System bis zum Niederlassungsende arbeiten muss. Im Privaten ist das leicht für uns und wir akzeptieren, dass Systeme von vor zehn Jahren heute keine Rolle mehr spielen und wir regelmäßig wechseln. 

Klar, im Kontext von Arztpraxen ist ein Systemwechsel kein Spaziergang. Wir müssen es den Praxen aber einfacher machen, ihre Systeme auszutauschen. Dann profitieren wir von mehr Wettbewerb der innovativsten Lösungen und mehr Schnittstellenoffenheit der Systeme. Konkret heißt das: modular denken und einkaufen, auf offene Schnittstellen achten – kein Vendor Lock-in, IT-Entscheidungen als Teil der Praxisstrategie begreifen, digitale Kompetenzen im Team aufbauen und Partner wählen, die kooperationsfähig sind, nicht nur leistungsfähig. Aber ganz wichtig: Die Politik und Gesetzgebung kann sich hier nicht rausziehen. Es braucht standardisierte Vorgaben für IT, damit ein agiler Wechsel möglich ist.