Interview: „Die Zahl der ambulanten PAs steigt deutlich“

Unter allen Delegationsberufen ist der Physician Assistant (PA) der mit dem stärksten medizinischen Fokus. Hendrik Bollen, Geschäftsführer der Plattform PA Jobs und selbst PA, beantwortet einige Fragen rund um diesen Beruf.

Wie kamen Sie dazu, PA zu werden?

Ich habe 2015 angefangen zu studieren, noch ganz am Anfang des Berufsbilds in Deutschland. Nach dem Studium habe ich viereinhalb Jahre in einer interdisziplinären Notaufnahme gearbeitet, habe Ultraschall gemacht, Zugänge gelegt, war auch eine Zeit lang Schockraumleiter. Ich habe damals relativ schnell gemerkt, dass dieser Beruf enormes Potenzial hat. Das gab dann den Anstoß zur Gründung von PA Jobs. Heute sind 80 Prozent aller PAs in Deutschland auf unserer Plattform registriert. 

Wo kommt dieses Berufsbild her?

Primär aus den USA. Dort gibt es über 180 000 PAs, und jede größere medizinische Fakultät hat auch ein PA-Programm. Großbritannien hat PAs im NHS (National Health Service) auch sehr umfassend etabliert, und auch in den Niederlanden gibt es PAs schon seit dem Jahr 2000. 

Wie war die Entwicklung in Deutschland?

Gestartet ist das 2005 mit einem Pilotstudiengang in Berlin, aber so richtig Fahrt nahm es erst ab 2015 auf. Mittlerweile gibt es 25 Hochschulen, davon 13 staatliche, die an über 40 Standorten ein PA-Studium anbieten. Das geht entweder nach dem Abitur in Vollzeit oder aufsattelnd auf einen Gesundheitsberuf wie MFA, Krankenpflege oder Sanitäter in Teilzeit. Am Ende steht in jedem Fall ein Bachelorabschluss. Aktuell haben wir über 3 000 Absolventen in Deutschland, und 5 500 befinden sich derzeit im Studium. Die Absolventen kommen bisher auch alle ganz gut unter, wobei es auf dem Land etwas einfacher ist als in Hamburg oder München.

Es gibt 25 Hochschulen, die an über 40 Standorten ein PA-Studium anbieten.

Welche medizinischen Leistungen können prinzipiell von PAs übernommen werden?

Ein PA kann prinzipiell alles übernehmen, was a) delegationsfähig ist und b) wofür er qualifiziert ist. Es gibt dazu relativ aktuelle Empfehlungen der Bundesärztekammer, in zweiter Auflage aus dem Jahr 2025, in denen beispielhafte Tätigkeiten beschrieben werden, die delegationsfähig sind. Das geht von erster Anamnese über körperliche Untersuchung, Ultraschall, Labordiagnostik bis hin zum Legen zentraler Zugänge und zur OP-Assistenz. Auch endoskopische Untersuchungen und Intubationen werden da aufgelistet. Umgekehrt bleiben Indikation, Diagnosestellung, Therapieentscheidung und Verschreibung immer genuin ärztliche Tätigkeiten.

Im Moment sind nur etwa 20 Prozent aller PAs in der ambulanten Versorgung tätig. Was sind typische ambulante Einsatzszenarien?

Wenn wir von der allgemeinmedizinischen Versorgung sprechen, sind es zum einen Infekt- und Akutsprechstunden, zum anderen die Funktionsdiagnostik von Ultraschall über Langzeit-EKG bis 24-Stunden-Blutdruck-Messung. Haus- und Heimbesuche sind ein weiterer häufiger Einsatzbereich. Außerdem gibt es mittlerweile mehrere Satellitenpraxen, in denen PAs an ein oder zwei Tagen pro Woche komplett allein bzw. zusammen mit MFAs arbeiten und telemedizinische ärztliche Unterstützung erhalten, wenn nötig.

Was steht einem noch breiteren ambulanten Einsatz von PAs im Weg?

Die Zahl der ambulanten PAs steigt deutlich, aber natürlich könnten es mehr sein. Ein Punkt ist: Delegation muss man wollen. Wenn ärztliche Versorgung zu einer Team-Versorgung wird, muss sich dafür auch das ärztliche Selbstverständnis ändern. Die Ärzte sind dann zunehmend für die komplexeren Fälle zuständig, an manchen Stellen muss man loslassen können. Ein anderer Bremsklotz ist die Vergütung. Eine Praxis, die einen PA einstellt, kann deutlich mehr Leistungen erbringen. Die Abrechnung erfolgt im Prinzip nach EBM. Aber gleichzeitig gibt es Zeitprofilvorgaben, also eine Kopplung an die ärztliche Person. Das setzt einer Mengenausweitung Grenzen, es bedeutet ab einem bestimmten Punkt Regressgefahr.

Welchen Ausweg gibt es aus dem Abrechnungsdilemma?

Ein Ausweg sind Selektivverträge. Im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung in Baden-Württemberg und Bayern ist die Pflicht zum persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt aufgeweicht, es gibt Zuschläge für eingeschriebene Patienten. Da lässt sich ein PA in entsprechend großen Praxen schon attraktiv umsetzen, vor allem in hausärztlichen Primärversorgungszentren, wie sie das HÄPPI-Modell etabliert. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die unmittelbare Förderung, sei es durch KVen oder durch Krankenkassen. Es gibt zum Beispiel ein PA-Szenario in einer Satellitenpraxis, das vom VDEK gefördert wird. Es ist aber nicht so, dass der Einsatz von PAs außerhalb von Selektivverträgen und Förderszenarien gar nicht möglich ist. Es gibt Berechnungen der KVWL, wonach ein PA selbst im Kollektivvertrag und ohne jegliche Förderungen in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis ein Honorarplus von 30 000 Euro pro Quartal generieren kann. 

Was verdient ein PA?

Es gibt bisher nirgendwo in Deutschland eine tarifliche Regelung, das geht alles nach Markt und Verhandlung. Bei PA Jobs führen wir jedes Jahr über das Portal eine Gehaltsstudie durch. Das Einstiegsgehalt liegt im Mittel bei 4 200 Euro und steigt im Verlauf an bis im Mittel 5 000 Euro Arbeitnehmerbrutto. In Hamburg, München oder Baden-Württemberg geht das auch mal hoch bis 6 500 Euro, das sind z. B. HÄPPI-Praxen, die Teile der Zusatzvergütung weitergeben.