Künstliche Intelligenz in der Arztpraxis: Die stille Revolution

von Miriam Mirza
In deutschen Arztpraxen könnte sich in den nächsten Jahren eine stille Revolution abspielen. Kein großer Knall, keine plötzliche Transformation – vielmehr ein schrittweises Einsickern von Technologie, die nicht nur die Abläufe verändert, sondern auch die Art, wie Ärztinnen und Ärzte arbeiten und Patientinnen und Patienten die Versorgung erleben. Künstliche Intelligenz (KI), bisher vor allem ein Thema für Technologen und große Datenprojekte, klopft an die Tür des Praxisalltags. Sie kommt nicht, um die Ärztin und den Arzt zu ersetzen, sondern um diese in den Bereichen zu entlasten, die Zeit fressen, und sie in jenen zu unterstützen, die ihr menschliches, fachliches Urteil erfordern.
Effizienter Austausch auf Knopfdruck
Die Kommunikation zwischen Praxis und Patient ist ein zentraler, aber zeitintensiver Bereich des Praxisalltags. Dafür bieten KI-basierte Tools praktische Lösungen: Durch sie können Anfragen zu Terminen, Folgerezepten oder AU-Bescheinigungen automatisiert bearbeitet werden. Chatbots und digitale Assistenzen, die auf KI-Algorithmen basieren, erfassen Anfragen, beantworten Standardfragen und leiten komplexere Anliegen gezielt an die Praxis weiter. Der Einsatz der Technologie verringert das Telefonaufkommen und reduziert die Notwendigkeit einer manuellen Nachbearbeitung. Auf der anderen Seite erhalten die Patientinnen und Patienten schneller Antworten, während die Praxis den Fokus auf eine individuellere Betreuung legen kann und insgesamt ein besseres Management erlebt. Bereits implementierte Beispiele zeigen heute in der Praxis, wie effizient solche Systeme arbeiten. Derzeit werden solche Tools weiterentwickelt mit dem Ziel, Patientenanfragen künftig noch präziser zu filtern und besser auf die Bedürfnisse der Praxis anpassen zu können.
Ein weiterer zentraler Bereich der medizinischen Administration ist die Dokumentation medizinischer Befunde und Anamnesen. Diese ist unverzichtbar, bindet allerdings viele Ressourcen. Das, was moderne, KI-basierte Dokumentationsassistenzen bereits leisten können, ist beeindruckend: Diese können während der Untersuchung oder des Arztgesprächs die Inhalte in Echtzeit transkribieren und gleichzeitig analysieren. Dabei erfassen sie gesprochene Inhalte, extrahieren Schlüsselbegriffe und erstellen daraus Vorschläge für eine strukturierte Dokumentation. Basierend auf diesen Daten können automatisch Folgeschritte eingeleitet werden – etwa die Anforderung von Laboruntersuchungen oder das Erstellen von Überweisungen sowie Rezepten. Die nächste Generation dieser Systeme wird klinische Entscheidungshilfen beinhalten, um Diagnose- und Therapieoptionen vorzuschlagen oder potenzielle Risiken früher zu erkennen. In den USA werden diese Lösungen schon ausgiebig erprobt.

Die Abrechnung medizinischer Leistungen ist ein weiterer Bereich, in dem KI viel Unterstützung bieten kann. Aktuell sind viele Abrechnungsprozesse fehleranfällig und zeitaufwendig. Es wird jedoch erwartet, dass KI-Systeme in absehbarer Zeit Anamnesen, Diagnosen und Therapien analysieren, um automatisch die passenden Abrechnungsziffern zu erkennen und vorzuschlagen. Der Vorteil von diesen Lösungen liegt nicht nur in der Zeitersparnis, sondern auch in einer Minimierung von Fehlern und damit der Reduktion von Nachbearbeitungen. Anwenderinnen und Anwender können erwarten, dass KI noch besser darin wird, komplexe Abrechnungslogiken zu verstehen, und sich der administrative Aufwand damit weiter verringert. Für Praxen, die mit einem zunehmenden Fachkräftemangel konfrontiert sind, sind digitale Lösungen der Schlüssel, um personelle und finanzielle Ressourcen zu schonen.
Präzisere Diagnosen, individuelle Therapien
Neben der Prozessoptimierung liegt das größte Potenzial der KI klar in der medizinischen Unterstützung. Hierbei geht es vor allem um das Erstellen von präziseren Diagnosen und eine Verbesserung von Therapieentscheidungen, was letztlich in einer gesteigerten Qualität der Patientenversorgung mündet. Jene medizinische Disziplin, in der die Entwicklung neuer KI-Technologien bereits heute am stärksten bemerkbar ist, ist die Radiologie. In Sekundenschnelle analysieren Algorithmen Bilder und erkennen selbst subtile Auffälligkeiten, die dem menschlichen Auge schnell entgehen können. So können zum Beispiel KI-Tools radiologische Aufnahmen auswerten und etwa frühe Anzeichen von Tumoren oder Gefäßerkrankungen entdecken. Diese neuen Systeme arbeiten schon sehr präzise. Sie ermüden nicht und schonen dadurch personelle Ressourcen. Außerdem liefern sie Unterstützung bei komplexen Diagnosen. Eines ist sicher: Die Vision der personalisierten Medizin wird ohne KI-Algorithmen, die große Datenmengen auswerten – darunter genetische Informationen, Anamnesen und Therapieverläufe –, um individuelle Behandlungsempfehlungen zu geben, nicht realisierbar sein.
Ein anderes medizinisches Feld, im dem sich künstliche Intelligenz hervortut, ist die Onkologie. Onkologinnen und Onkologen nutzen schon heute die Technologie, um genetische Analysen zu erstellen und maßgeschneiderte Behandlungsstrategien zu entwickeln. Dazu analysieren beispielsweise KI-gestützte Apps Symptome und geben Hinweise auf mögliche Erkrankungen. Diese Anwendungen haben das Potenzial, künftig als Ersteinschätzung zu dienen, um auf diese Weise früher auf Erkrankungen aufmerksam zu machen. Ein mögliches Zukunftsszenario ist auch die Einbeziehung von Wearables, deren gesammelte Daten von KI kontinuierlich ausgewertet werden können, um Überlastung, Infekte oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.
Interview: „Mehr Zeit, weniger Stress“
Das in Kopenhagen gegründete Unternehmen Corti betreibt in Deutschland eine für das Gesundheitswesen konzipierte KI-Plattform. Florian Schwiecker, Chief Partnership Officer bei Corti und Experte für KI im Gesundheitswesen, erklärt, wie sprachgesteuerte KI-Systeme den Alltag von Ärztinnen und Ärzten verändern.
Ausblick: Was wird sich ändern?
Der Anfang hin zu einer Medizin, aus der künstliche Intelligenz nicht mehr wegzudenken ist, ist also gemacht. Doch wohin geht die Reise? Die Antwort auf diese Frage ist vielfältig, denn diese Technologie wird in den unterschiedlichsten Bereichen ihren Einsatz finden. Ein mögliches Beispiel wäre eine Praxis, in der ein unsichtbarer Assistent mitdenkt. Wenn der Patient zur Tür hereinkommt, läuft bereits im Hintergrund ein Algorithmus, der seine Daten analysiert – und zwar nicht nur die, die heute mitgebracht werden, sondern auch jene aus vergangenen Besuchen. Dieser Algorithmus liefert dem Arzt Vorschläge, welche Untersuchungen sinnvoll wären, und vergleicht Symptome mit Datenbanken, die auf neuesten Forschungserkenntnissen basieren. Das Ziel? Keine Erkrankung soll übersehen, die beste Therapie gefunden, keine Zeit vergeudet werden.

Ein Feld, in dem Ärztinnen und Ärzte dank KI bald wertvolle Zeit sparen werden, ist die prägnante Aufbereitung der Patientenhistorie. Entsprechende Systeme können, basierend auf vorhandenen Daten aus der Praxissoftware, automatisch eine kurze Übersicht erstellen, die Behandlern hilft, sich gezielt auf das Gespräch vorzubereiten. Dazu erfolgt eine strukturierte Aufbereitung aller relevanten Informationen, wie letzte Untersuchungen, Diagnosen oder Medikamentenverordnungen. Der Vorteil: Ärztinnen und Ärzte können ihre Gesprächsführung deutlich effizienter gestalten und erhalten mehr Zeit, sich auf den Patienten zu konzentrieren.
In den kommenden Jahren wird KI in der Praxis zunehmend alltagstauglich und darüber hinaus skalierbar. Während erste Anwendungen bereits jetzt Prozesse vereinfachen, werden zukünftige KI-Lösungen noch smarter, vernetzter und präziser. Die Vision ist klar: Mehr Zeit für Patientinnen und Patienten entsteht, indem KI Routineaufgaben übernimmt und den administrativen Aufwand reduziert. Gleichzeitig verbessern präzisere Diagnosen und genauere Therapien die Patientenversorgung.
Technisch ist vieles bereits machbar, jedoch sind noch einige regulatorische Hürden zu überwinden. Die Nutzung von KI-Tools unterliegt strengen und derzeit noch sehr interpretierbaren nationalen und europäischen Richtlinien, insbesondere wenn es um diagnostische oder therapeutische Entscheidungen geht. Zudem stellen Datenschutz und Datensicherheit zentrale Herausforderungen dar. Hier sind klare Regeln und sichere Systeme unverzichtbar.
Patientenservice ohne Unterbrechung
Neben den internen Abläufen bietet KI auch bei der Verfügbarkeit der ärztlichen Expertise neue Möglichkeiten. Ein Zukunftsszenario: Wenn man auf die Webseite einer Praxis geht, meldet sich ein KI-Avatar. Dieser nimmt rund um die Uhr Anfragen von Patientinnen und Patienten entgegen und beantwortet diese soweit möglich automatisiert. Im Gegensatz zu allgemeinen Chatbots berücksichtigt dieser praxisindividuelle KI-Avatar die individuelle Patientenhistorie sowie zusätzlich zum Fachwissen aus den Weiten des Internets bisherige Entscheidungen der behandelnden Ärztinnen und Ärzte in ähnlichen Fällen. Auf diese Weise könnten zukünftig neben organisatorischen auch medizinische Fragen bis zu einem bestimmten Komplexitätsniveau automatisiert beantwortet werden.
Fazit
Viele der geschilderten Szenarien sind noch nicht für den breiten Versorgungsalltag ausgereift, jedoch sind sie auch keine fernen Zukunftsvisionen mehr. Ob Prozessentlastung, digitale Dokumentation, optimierte Patientenkommunikation oder medizinische Diagnostik: KI wird Ärztinnen, Ärzte und Praxisteam entlasten, unterstützen und ihnen so ermöglichen, sich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt – die Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten.
So macht es medatixx
medatixx integriert derzeit konkrete KI-Anwendungen in seine Praxissoftwarelösungen, die das Potenzial haben, die Effizienz des Praxisalltags zu erhöhen. In Vorbereitung sind unter anderem ein Praxissoftware-KI-Assistent, der das Praxisteam im täglichen Umgang mit der Praxissoftware entlastet, ein System zur Transkription und Strukturierung des Arzt-Patienten-Gespräches zum Zweck der Dokumentation und die Integration erster medizinischer Entscheidungsunterstützungssysteme. Für den Software-Support wird der bestehende Chatbot auf ein KI-basiertes System umgestellt und damit das Spektrum und die Antwortgenauigkeit des Bots deutlich verbessert. Neben der sicheren und funktional tiefen Integration der Funktionen in die Praxissoftware arbeitet medatixx an den begleitenden rechtlichen Rahmenbedingungen, die die Nutzung KI-basierter Tools im Praxisalltag auch aus datenschutz- und haftungsrechtlicher Sicht sicher ermöglicht.
Der Artikel erschien erstmals am 25. März 2025 im x.press 25.2.