Interview: „Mehr Zeit, weniger Stress“

Das in Kopenhagen gegründete Unternehmen Corti betreibt in Deutschland eine für das Gesundheitswesen konzipierte KI-Plattform. Florian Schwiecker, Chief Partnership Officer bei Corti und Experte für KI im Gesundheitswesen, erklärt, wie sprachgesteuerte KI-Systeme den Alltag von Ärztinnen und Ärzten verändern.

Wie stellen Sie sich bei Corti vor, dass sprachbasierte KI-Systeme den Praxisalltag verändern?

Der größte Hebel liegt in der Entlastung der medizinischen Fachkräfte bei der Dokumentation. Dabei sehen wir drei zentrale Vorteile. Zum einen können Ärztinnen und Ärzte die Zeit, die sie bisher für die Dokumentation aufwenden mussten, um bis zu 80 Prozent reduzieren. Das bedeutet, sie haben deutlich mehr Kapazitäten für die direkte Patientenbetreuung. Ein weiterer wesentlicher Vorteil liegt in der Verbesserung der Dokumentationsqualität. Im Gegensatz zur manuellen Protokollierung erfasst die KI das gesamte Arzt-Patienten-Gespräch lückenlos, ohne von Zeitdruck oder Stress beeinträchtigt zu werden. Das Ergebnis sind detailliertere und präzisere Dokumentationen. Schließlich profitieren auch nicht-muttersprachliche Fachkräfte, da die KI sicherstellt, dass medizinische Fachbegriffe korrekt verwendet und grammatikalische Fehler vermieden werden. Auf diese Weise überwindet die Technologie sprachliche Hürden und ermöglicht eine fehlerfreie Dokumentation.

Bleiben wir beim Thema Stress. Wie genau wirkt sich der KI-Einsatz auf die Arzt-Patienten-Beziehung aus?

Sprachbasierte Systeme wie Corti sorgen dafür, dass der Arzt oder die Ärztin mehr Zeit hat. Diese zusätzliche Zeit kann genutzt werden, um gezielte Rückfragen zu stellen oder die Diagnose fundierter zu überprüfen. In der Praxis bedeutet das, dass die Qualität der Diagnosen steigt. Gleichzeitig sinkt das Stressniveau der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, da der Druck durch die zeitraubende Dokumentation entfällt. Ein weiterer positiver Effekt ist die Wiederherstellung der zwischenmenschlichen Beziehung. Empathische Momente, die in den letzten Jahren aufgrund von Zeitmangel häufig zu kurz kamen, bekommen wieder mehr Raum. Das stärkt die Arzt-Patienten-Beziehung und kann den Heilungsprozess positiv beeinflussen.

Welche spezifischen Herausforderungen oder Barrieren erwarten Sie bei der Implementierung von sprachgesteuerten KI-Systemen in deutschen Praxen?

Wie bei allen neuen Technologien ist zunächst eine gewisse Zurückhaltung zu erwarten. Viele Menschen stehen Neuem skeptisch gegenüber – vor allem, wenn unklar ist, wie sich die Veränderung auf ihre tägliche Arbeit auswirkt. Im Fall der sprachgesteuerten KI-Systeme ist es daher essenziell, umfassende Aufklärungsarbeit zu leisten. Wichtig ist, den medizinischen Fachkräften zu verdeutlichen, dass die KI kein Ersatz, sondern ein zusätzliches Arbeitswerkzeug ist, das ihre Aufgaben erleichtert. Die Entscheidungsgewalt bleibt stets bei den Ärztinnen und Ärzten. Die KI unterstützt durch die Bereitstellung von Informationen und die automatisierte Dokumentation, nimmt ihnen aber keinesfalls die Kontrolle aus der Hand. Sobald dieser Mehrwert verstanden ist, sinken die Vorbehalte in der Regel schnell – wenn sie denn überhaupt vorhanden sind.

Welche Länder sind derzeit führend bei der Einführung von sprachgesteuerten Systemen im Gesundheitswesen und was kann Deutschland von deren Erfahrungen lernen?

Wie in den meisten technologischen Bereichen liegen die USA an der Spitze. Auch die nordischen Länder, beispielsweise Dänemark oder Schweden, haben in den letzten zehn Jahren enorme Fortschritte gemacht und Deutschland in diesem Bereich deutlich überholt. Wir Deutschen können aber schnell aufholen, wenn wir bereit sind, von anderen Ländern zu lernen. Das erfordert Offenheit, Mut zur Veränderung und den Willen, den digitalen Wandel aktiv zu gestalten. Wenn wir uns die besten Beispiele aus anderen Ländern ansehen und diese an unsere Bedürfnisse anpassen, können wir schnell Fortschritte erzielen. Allerdings müssen sich alle Akteurinnen und Akteure – vom Gesetzgeber bis zu den medizinischen Fachkräften – bewusst sein, dass Veränderung notwendig ist. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, kann Deutschland aufholen.

Können diese Systeme in die kommende ePA integriert werden?

Ja, definitiv. Die Architektur von Corti ist so aufgebaut, dass sie sich problemlos in bestehende Systeme integrieren lässt, darunter auch die elektronische Patientenakte (ePA). Unsere Systeme sind flexibel und anpassungsfähig, sodass eine nahtlose Anbindung an bereits genutzte Praxissoftware möglich ist.

Was sollten deutsche Ärztinnen und Ärzte jetzt tun, um sich auf die breitere Einführung von sprachgesteuerten KI-Systemen in ihren Praxen vorzubereiten?

Das Wichtigste ist, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Ärztinnen und Ärzte können an Webinaren teilnehmen, Fachmessen besuchen oder sich bei Referenzkunden ansehen, wie die Systeme in der Praxis eingesetzt werden. Darüber hinaus arbeiten wir mit zahlreichen Partnern zusammen, die individuell auf die Bedürfnisse der Praxen eingehen und dahingehend beraten. Die Botschaft ist klar: Wer jetzt beginnt, sich mit den neuen Technologien zu beschäftigen, verschafft sich einen Vorteil. Das gilt sowohl für die Wettbewerbsfähigkeit der Praxis als auch für die Entlastung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.