Interview: „TI-Zugang wird stabiler, flexibler und mobiler."

Dr. Florian Hartge ist einer von drei Geschäftsführern der gematik und verantwortet die Bereiche Produktion, Sicherheit und Betrieb. Im Gespräch mit dem x.press-Magazin gibt er einen Einblick in die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur (TI).

Was sind die Kernvorteile des in den nächsten Jahren anstehenden, schrittweisen Übergangs auf eine TI-2.0-Architektur, die mit kartenlosen digitalen Identitäten und einer Zero-Trust-Architektur arbeitet? 

Für Versicherte bedeutet TI 2.0 vor allem mehr Flexibilität: Sie können Gesundheitsdienste künftig ortsunabhängig und ohne physische Karte nutzen – etwa per Smartphone oder App. Die GesundheitsID ersetzt in vielen Fällen den analogen Versicherungsnachweis. Zudem verringert sich der Aufwand bei der Authentifizierung, beispielsweise mit dem PoPP-Verfahren (Proof of Patient Presence), das in bestimmten Versorgungskontexten einen digitalen Nachweis ermöglicht. Auch die Sicherheit steigt: Die Zero-Trust-Architektur sorgt dafür, dass jeder Zugriff auf die TI individuell geprüft wird. Das erhöht den Datenschutz und senkt das Risiko für Missbrauch. Für Leistungserbringer wiederum bedeutet TI 2.0 eine spürbare Entlastung im Betrieb. Dazu zählen weniger Hardware, weniger Wartungsaufwand, geringere Kosten. Der Zugang zur TI wird stabiler, flexibler und mobiler – vor allem für Hausbesuche oder telemedizinische Leistungen. Insbesondere wird die Möglichkeit einer Fernsignatur Abläufe vereinfachen und gleichzeitig die Sicherheit erhöhen.

Wie ist aktuell der Stand? Welche Komponenten sind schon umgesetzt?

Die Umsetzung der TI 2.0 ist ein mehrjähriges, agiles Projekt, das wir bei der gematik in aufeinander aufbauenden Schritten realisieren. Bereits verfügbar ist die GesundheitsID als digitale Identität für Versicherte. Seit Anfang 2024 sind die Krankenkassen verpflichtet, diese anzubieten. Sie ergänzt die Funktionalitäten der elektronischen Gesundheitskarte und ermöglicht einen komfortableren Zugang zu digitalen Gesundheitsdiensten. Zudem wurden erste TI-Gateways zugelassen und sind bereits im Einsatz. TI-Gateways sind eine moderne Alternative zum bisherigen Konnektor-Modell und markieren eine wichtige Weiterentwicklung auf dem Weg zur TI 2.0. Ein zentraler Meilenstein ist außerdem die Entwicklung der Zero-Trust-Architektur. Das zugrunde liegende Sicherheitskonzept und die Spezifikationen liegen vor, und der Auftrag zur Entwicklung zentraler Softwarekomponenten wurde bereits vergeben. Darüber hinaus soll das sogenannte PoPP-Verfahren ab 2026 ausgerollt werden. Damit können Versicherte digital belegen, dass sie sich tatsächlich im Kontext einer Behandlung befinden – etwa bei Hausbesuchen oder Videosprechstunden. 

„Auch die Fernsignatur wird neue Möglichkeiten eröffnen.“

Was werden ärztliche Anwender von dem Umstieg auf die TI 2.0 merken oder nicht merken?

Was Ärzte unmittelbar spüren werden, ist ein deutlicher Zugewinn an Komfort: Der Zugriff auf TI-Dienste wird flexibler und mobiler. Die Abhängigkeit von stationären Konnektoren oder Kartenhardware wird reduziert. Auch der technische Zugang für Hausbesuche oder Videosprechstunden wird wesentlich erleichtert. Außerdem bringt TI 2.0 mehr Stabilität, weil sie auf moderner Softwarearchitektur basiert und weniger von älteren TI-Diensten abhängig sein wird. Ein gutes Beispiel ist das bereits beschriebene PoPP-Verfahren. Auch die Fernsignatur, also das Signieren von medizinischen Dokumenten oder eRezepten ohne physisches Kartenlesegerät, wird neue Möglichkeiten eröffnen – denken Sie an die Versorgung in Pflegeheimen. Was hingegen kaum auffallen wird, sind die tiefgreifenden Änderungen in der Sicherheitsarchitektur. Diese laufen im Hintergrund, ohne dass sich Routinen oder Nutzeroberflächen stark verändern.

Welche neue Technik wird in den Arztpraxen benötigt, wenn es so weit ist?

Praxen können schon heute in einem ersten Schritt ein TI-Gateway – statt der Hardware-Konnektoren – verwenden, um einfacher und zuverlässiger an der TI teilzunehmen. Im nächsten Schritt werden wir auch hier noch einmal die Hardwaretechnik reduzieren und auf Zero Trust und PoPP umsteigen. Ziel ist es, möglichst viele bisherige Hardwarekomponenten durch softwarebasierte Lösungen zu ersetzen – so auch die jeweiligen Karten durch digitale Identitäten. Kartenlesegeräte werden weiterhin erforderlich sein, auch eine digitale Identität muss eingelesen werden. Allerdings sind das dann künftig immer häufiger moderne Lesegeräte, die kontaktlos arbeiten oder die sowohl Karten als auch kontaktlose Authentifizierungen unterstützen. Das alles passiert nicht Schlag auf Schlag. Übergangsfristen stellen sicher, dass bestehende Hardware – wie etwa ein Konnektor – bis voraussichtlich 2030 weiterhin genutzt werden kann. Wichtig ist außerdem, dass die IT-Umgebung der Praxis sicher bleibt: Praxen müssen auf aktuelle Software, auf gesicherte Geräte und ein vertrauenswürdiges Netzwerk achten. Das sollten sie aber heute schon.