Kompakt-Interview: DiGA stößt in die Versorgungslücke

Die Demenztherapie steht vor einem Umbruch. Neben Medikamenten bringen sich auch digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) in Stellung. Die MCI-DiGA NeuroNation MED (MCI; Mild Cognitive Impairment) ist jetzt dauerhaft im DiGA-Verzeichnis gelistet.

DR. ASTRID WEBER ist Internistin und Psychotherapeutin in einer allgemeinmedizinisch und geriatrisch ausgerichteten Gemeinschaftspraxis in Koblenz.

Welche Eigenschaften muss eine DiGA haben, damit Sie sie als Hausärzte nutzen?

Die DiGA muss eine relevante Versorgungslücke adressieren. DiGA-Patienten sind bei uns oft Patienten, für die es wenig andere Optionen gibt, bei der ­NeuroNation MED DiGA vor allem die Post-COVID-Patienten. Die haben oft ein temporäres Mild Cognitive Impairment (MCI), das sich über Standardtests wie das Montreal Cognitive ­Assessment (MoCA) nur schwer fassen lässt und bei dem wir therapeutisch wenig anbieten können. Darüber hinaus nutze ich im psychotherapeutischen Bereich weitere DiGA, auch bei der Gewichtsreduktion. An die Rauchentwöhnung taste ich mich noch heran.

Welche Patienten sind für eine kognitive DiGA besonders geeignet?

Die DiGA ist aus unserer Sicht vor allem für leichter betroffene MCI-Patienten eine gute Option. Sie ist hier ein Hilfsmittel, um eine dauerhafte Versorgung und eine gewisse Prävention sicherzustellen. Wir haben mit jüngeren Patienten im Post-COVID-Bereich angefangen, mittlerweile nutzen wir die App aber auch gern bei MCI-Patienten am Übergang zur geriatrischen Versorgung.
 

Die DiGA muss eine relevante Versorgungslücke adressieren.

Dr. Astrid Weber

Wie kontrollieren Sie die Adhärenz?

Die muss ich erfragen, und das ist auch wichtig, denn nach drei Monaten stellt sich ja die Frage der Folgeverordnung. Bei Post-COVID-Patienten ist die Adhärenz in der Regel sehr gut, die greifen nach jedem Strohhalm. Am Ende ist es ein Selbstreporting: Ich muss auf das vertrauen, was die Patienten mir berichten. Wie schon erwähnt, der MoCA-Test ist oft unauffällig. Den kann ich zur Verlaufskontrolle nicht nutzen. Umfassende kognitive Tests funktionieren, aber die kosten viel Zeit. Wir haben bei uns den Test zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP) etabliert, das braucht dann schon einen eigenen Termin. Neuropsychologen, zu denen wir überweisen könnten, gibt es viel zu wenige.

Könnte man sich vorstellen, dass digitale Anwendungen in der Demenzversorgung über das kognitive Training hinaus einen größeren Stellenwert einnehmen?

Ich denke schon, bis hin zur Einbindung der Angehörigen, denn Demenz ist ja auch ein Angehörigenthema. Bei dem Fachkräftemangel, den wir in allen Bereichen haben, wird das gar nicht anders gehen. Das betrifft den ärztlichen Dienst genauso wie Ergotherapie und Neuropsychologie. Das reicht alles hinten und vorne nicht. Auch zur Begleitung von Pharmakotherapien eignen sich DiGA sehr gut. Die sollten ohnehin immer mit kognitivem Training kombiniert werden.
 

Das Interview erschien erstmals am 18. Dezember 2025 im x.press 26.1.

Hier können Sie sich die gesamte x.press-Ausgabe 26.1 herunterladen.