Porträt: Die Prozessoptimiererin

von Miriam Mirza
Annette Rennert ist Hausärztin in Dortmund – und eine Frau, die Strukturen liebt. Nicht aus Selbstzweck, sondern weil sie weiß: Nur mit klaren Abläufen bleibt Raum für Menschlichkeit in der Medizin. Sie ist eine Ärztin, die Prozesse optimiert, weil sie das Leben der Patientinnen und vor allem das ihres Praxisteams besser machen will.
Geboren wurde sie 1982 in Dortmund als Tochter einer Juristenfamilie. Schon früh spürte sie: Sie schlägt aus der Art. Während ihre Geschwister den Weg in die Paragraphenwelt gingen, zog es sie zur Humanmedizin. „Ich wollte nicht über Akten brüten, sondern direkt mit Menschen arbeiten.“
Der Weg dorthin war jedoch steinig. Ursprünglich wollte sie Gynäkologin werden, denn die Arbeit mit Frauen, Geburtshilfe und das unmittelbare Begleiten neuer Lebenswege faszinierten sie. Kurz nach dem Abitur wurde sie Mutter – eine Herausforderung, Studium und Kind unter einen Hut zu bringen. Erst mit einem Kitaplatz ließ sich der Traum vom Medizinstudium verwirklichen.
Als sie schließlich das Medizinstudium in Bochum aufnahm, machte sie schnell Bekanntschaft mit Vorurteilen. Sie erinnert sich, wie sie als Mutter mit fieberndem Kind auf dem Arm das Büro des Neuroanatomieprofessors betrat und darum bat, die Prüfung an einem späteren Termin schreiben zu dürfen. Die Antwort: „Warum wollen Sie überhaupt Ärztin werden? Als Frau mit Kind haben Sie sowieso keine Zeit für Medizin.“ Die Reaktion hat Rennert so geärgert, dass sie doppelt motiviert war, dem Professor das Gegenteil zu beweisen. „Es hat mich wütend gemacht, aber auch angetrieben.“ Sie bestand nicht nur diese, sondern auch alle weiteren Prüfungen.
Ihr Weg in die Medizin war ein herausfordernder, doch sie hat dabei auch viele wertvolle Erkenntnisse gewonnen. „Ich glaube, das habe ich von damals mitgenommen, dass man effizient sein muss und Dinge gut laufen und organisiert sein müssen, um es zu schaffen“, sagt sie und lacht. „Vermutlich habe ich deswegen so ein Faible für Prozessoptimierung.“ 2011 hielt sie schließlich die Approbation in den Händen.
Erfahrungen im Krankenhaus
Ihre ersten Jahre verbrachte Rennert in der Inneren Medizin eines kleinen Krankenhauses. Dort war das Arbeiten besonders intensiv, und zwar nicht nur wegen der Dienste, sondern auch, weil sie überall eingesetzt wurde und so Einblicke in viele unterschiedliche Bereiche der medizinischen Versorgung erhielt. „Man musste alles machen, von der Notaufnahme bis zur Stationsarbeit. Das war anstrengend, aber auch unglaublich lehrreich.“ In kleineren Häusern, sagt sie, spüre man die Verantwortung noch unmittelbarer, Abläufe müssten klar und durchdacht sein. „Wenn Prozesse nicht stimmen, merkt man das sofort an der Versorgung der Patientinnen.“
Auf diese Lehrjahre blickt sie dankbar zurück – zugleich war die Arbeit in der Klinik für Rennert ein ständiger Balanceakt. Schichtdienst, Wochenenddienste, gleichzeitig die Sorge um die Kinder – sie beschreibt es als Leben am Limit. „Ich habe gelernt, dass man Grenzen ziehen muss, sonst verbrennt man.“ Sie teilt sich damals eine Stelle in der Inneren Medizin mit einer Kollegin. Sie erinnert sich gut, dass der Chefarzt anfänglich nicht überzeugt war von dem vorgeschlagenen Modell. „Heute ist das selbstverständlicher, aber damals war das total unüblich. Wir haben Jobsharing gemacht, weil das für uns die einzige Möglichkeit war, Familie und Beruf zu vereinbaren.“ Die Arbeit in der Klinik war anspruchsvoll, aber an eine Niederlassung dachte sie nie – schon gar nicht in der Allgemeinmedizin. Ihr Bild davon war geprägt von den typischen Vorurteilen, die im Klinikalltag gegenüber Hausärztinnen kursieren. „Wir dachten oft: Die Niedergelassenen machen nur Bürokratie und haben eigentlich keine Ahnung.“ Der Wechsel kam erst, als ihre Jobsharing-Kollegin bemerkte, dass die sonst stets gut gelaunte Rennert immer unzufriedener wurde. Sie machte den Vorschlag, mit ihr gemeinsam in die Niederlassung zu gehen. Nach anfänglicher Skepsis erkannte Rennert, dass sie dort ihr Arbeitsfeld und die Bedingungen tatsächlich mitgestalten konnte und dadurch mehr Eigenständigkeit gewann.

Der Schritt in die Allgemeinmedizin
Nach zwei Jahren als Weiterbildungsassistentin in der Praxis im Dortmunder Stadtteil Kaiserviertel machte sie 2021 den Facharzt für Allgemeinmedizin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin – die inzwischen Diabetologin geworden war – übernahm sie die Hausarztpraxis in Dortmund. Diese erweiterte sie um einen weiteren Standort sowie zu einer diabetologischen Schwerpunktpraxis. Was Rennert in der Klinik als Belastung erlebt hatte, nämlich unklare Prozesse und fehlende Ablaufmuster, drehte sie nun um. Die Ärztin begann, Abläufe zu verschlanken, digitale Tools einzusetzen und ihr Team einzubeziehen. Doch bei jeder Umgestaltung von Arbeitsweisen ist für sie auch klar, dass das nicht ohne Reibungsverluste geht: „Nicht alles läuft glatt. Wenn man neue digitale Anwendungen und Prozesse einführt, gibt es Reibung. Es gibt Diskussionen, manchmal Widerstände. Aber wenn man dranbleibt, überwiegt am Ende der Nutzen.“Rückblickend sieht sie ihren Weg in die Allgemeinmedizin als absoluten Glücksfall. „Hausarztmedizin ist viel mehr, als ich dachte. Es ist die Basis, ohne die nichts funktioniert.“ Sie ist nah an den Menschen, kennt ihre Geschichten und weiß: Gute Strukturen sind die Voraussetzung für gute Versorgung.

Effizienzsteigerung als Haltung
Heute setzt sich die Ärztin aktiv für Studentinnen ein, die in ihrer Praxis Einblicke in die Allgemeinmedizin bekommen. Sie sollen erleben, dass die Arbeit als Hausärztin anspruchsvoll und sinnstiftend ist, wie Praxisorganisation funktioniert, welche digitalen Werkzeuge nützlich sind und wie man trotz aller Anforderungen menschlich bleibt. „Mir ist wichtig, dass sie sehen, dass Hausarztmedizin sehr viel Freude machen kann. Aber sie müssen auch wissen: Eine Praxis zu leiten ist wie ein Unternehmen zu leiten. Und dafür lernen sie im Studium nichts.“
Als Medizinerin, Ausbilderin und Unternehmerin hat sie gelernt, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht zu ignorieren sind. „Man muss die Realität sehen: Eine Praxis ist auch ein Betrieb und ich will, dass er funktioniert, damit wir gute Medizin machen können.“ Ob Abrechnung, Personalführung oder digitale Dokumentation – sie sucht Lösungen, die den Alltag erleichtern und zugleich die Qualität sichern. „Am Ende muss das System den Menschen dienen, nicht umgekehrt.“ Sie plädiert dafür, dass Medizinstudentinnen auf eine mögliche Niederlassung besser vorbereitet werden und unternehmerische Fähigkeiten entwickeln können.
Ihre Leidenschaft für die optimale Gestaltung von Prozessen macht sie zudem zu einer kritischen Beobachterin gesundheitspolitischer Entwicklungen, ohne die Realität außer Acht zu lassen. „Bürokratie wird es immer geben. Aber sie darf uns nicht erdrücken. Wir brauchen Wege, sie handhabbar zu machen.“ Und Rennert verschweigt nicht, dass es weiterhin strukturelle Nachteile für Ärztinnen gibt: „Es hat sich viel getan, aber Frauen haben es im Beruf immer noch schwerer. Ich habe das selbst erlebt. Manchmal ist es subtil, manchmal offen. Aber es ist noch da.“
Immer auf der Suche nach dem besseren Weg
Privat tankt die Mutter von vier Kindern Kraft im Familienkreis, im Austausch mit Kolleginnen, aber vor allem beim Sport. „Das gibt mir die Energie, die ich brauche, um im Beruf klar zu bleiben.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie gut auf ihre eigenen Bedürfnisse achten muss, damit sie dann wieder für andere da sein kann. Auch das ist ein Prozess, den sie für sich selbst optimiert hat.
Überörtliche Gemeinschaftspraxis
Annette Rennert ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Präventivmedizinerin DAPM in der ÜBAG (Überörtliche Gemeinschaftspraxis) mit der Praxis im Kaiserviertel und der Praxis am Hellweg in Dortmund. Das Ärzteteam umfasst vier Praxispartner, zwei angestellte Fachärztinnen und Fachärzte sowie Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. Schwerpunkte sind hausärztliche Versorgung, Diabetologie, Palliativ- und Ernährungsmedizin sowie Hospiz- und Heimbetreuung. Unterstützt wird das Team von qualifizierten Medizinischen Fachangestellten sowie Diabetesberaterinnen. Neben ihrer hausärztlichen Tätigkeit leitet Rennert das Beratungsangebot PraxisDigital, unterstützt bei Fragen zur Digitalisierung und Prozessoptimierung in der Praxis.
Der Artikel erschien erstmals am 18. Dezember 2025 im x.press 26.1.
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