Kolumne: Wissen Sie eigentlich, wie gut es Ihnen geht?

Ein Blick hinter die Kulissen der Universitätsmedizin: Warum eine erfahrene Ärztin nach vielen Jahren den Wechsel in die Niederlassung wagt – und welche strukturellen Herausforderungen dabei eine Rolle spielen, erzählt Dr. Doxx in seiner Kolumne.

Kolumnen wie diese leben davon, dass sie reale Begebenheiten aufgreifen und gnadenlos überzeichnen. Wenn ich es damit übertreibe, insbesondere wenn ich es auf Ihre Kosten übertreibe, liebe Leserinnen und Leser, dann kriegt medatixx dafür von Ihnen eins auf den Deckel. Das ist auch okay so, die können das ab. Ich selbst chille dann meistens eh schon auf meiner Jacht in der Karibik. Manchmal muss man aber auch gar nicht überzeichnen. Manchmal ist die Realität so schräg, dass jede Überzeichnung die Pointe killen würde. Und wenn das Ganze dann auch noch auf Kosten des Krankenhaussektors geht, umso besser.

Ich will heute von einer fachärztlichen Kollegin erzählen, nennen wir sie S. Die war zwanzig Jahre an einem Uniklinikum in einer ziemlich großen deutschen Stadt. Chefärztin war sie nicht, das werden da nur Männer. Warum sie es trotzdem so lang ausgehalten hat, ist eine interessante Frage, aber nicht unser Thema. Für ihren letztlichen Wechsel in die Niederlassung im Alter von fast Mitte fünfzig gab es nicht den einen Grund, sondern eher einen ganzen Blumenstrauß an Gründen. Dass nur Männer Chefin werden konnten, erwähnte ich schon. Die Personaldecke insgesamt war auch ein Riesenthema. So wurde zum Beispiel im Frühjahr 2020 die Corona-Intensiv-Station etabliert, das Personal dafür von Normalstation abgezogen. So weit, so gut. Im Sommer 2025 wurde die Station dann wieder geschlossen. Kein Druckfehler: im Sommer 2025. Das abgezogene Personal sah niemand auf der Normalstation je wieder.

Ein anderer Grund dafür, dass S. in der Universitätsmedizin nach zwei Jahrzehnten durchaus engagierter Beziehungsarbeit keine Zukunft mehr sah, war – die Ethikkommission. Da wurde sie irgendwann vor drei Jahren hin entsandt, was einem in der deutschen Universitätsmedizin als große Ehre verkauft wird. Vor allem von Leuten, an denen der Kelch vorübergegangen ist, versteht sich. Ethikkommission heißt alle vier Wochen Dienstag nach der Arbeit im besten Fall drei Stunden, im ungünstigen Normalfall eher fünf Stunden, konferieren und therapieren. Plus Vorbereitungszeit, sprich Durchlesen von mehreren hundert Antragsseiten pro Sitzung.
 

„Hier mal ein Ti-ausfall, da mal eine kim-Nachricht, die im nirwana landet.“

Dr. Doxx

Der Witz an der Sache ist jetzt folgender: Die externen Kommissionsmitglieder – also Juristen, Ethiker, Sozialwissenschaftler, Theologen, Statistiker und medizinische Laien – machen Ethikkommission als Zweitjob. Sie werden für diesen Dienst an der Menschheit bezahlt, und zwar pro Stunde. Bei klinikinternen Kolleginnen wie S. dagegen wird erwartet, dass sie den Zeitaufwand über ihr Überstundenkonto ausgleichen. Was völlig illusorisch ist, zumal die Sitzungen auch noch abends stattfinden, das vorbereitende Durcharbeiten der Anträge natürlich auch. Konsequenz: Die Vorsitzenden, die nie von intern kommen, labern sich genüsslich durch den Abend und mästen dabei ihr Sparschwein und die Sparschweine der externen Kommissionsmitglieder. Denn je später der Abend wird, umso schöner zwar nicht die Gäste, aber umso mehr verdienen sie. Die Kolleginnen aus den Kliniken mästen dagegen ihr Überstundenkonto, während die letzten Reste ihres Soziallebens dahinschmelzen.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Sie wissen gar nicht, wie gut es Ihnen in Ihrer ambulanten Praxis geht. Hier mal ein TI-Ausfall, da mal eine KIM-Nachricht, die im Nirwana landet: Von solchem Firlefanz können Sie an einer Uniklinik nur träumen. Kollegin S. macht jetzt erst mal drei Monate Pause, bevor sie in eine Arztpraxis wechselt, zu der sie mal eben hinlaufen kann.

Herzlichst,
Ihr Dr. Doxx“

Der Artikel erschien erstmals am 18. Dezember 2025 im x.press 26.1.

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